Von 4 auf 9 Rechtsquellen: Kollektivverträge, Landesrecht, Gesetzesmaterialien, EuGH und EGMR kommen in die KI-Rechtsrecherche
6. Juli 2026 · Christian Haberl
Die Qualität einer KI-gestützten Rechtsrecherche steht und fällt mit der Qualität und Vollständigkeit ihrer Datenbasis. Ein System, das nur Bundesgesetze und Höchstgerichts-Judikatur im Speicher hat, muss in der Praxis unvollständig bleiben: Wichtige verfahrensentscheidende Antworten liegen oft im Landesrecht, in einem branchenspezifischen Kollektivvertrag, in den Erläuternden Bemerkungen von Gesetzesentwürfen oder in der Rechtsprechung europäischer Gerichte.
Deshalb haben wir RICI drastisch erweitert. Nach einer intensiven Entwicklungs- und Testphase schalten wir das bisher größte Upgrade unserer Datenbasis frei: RICI wächst von vier auf neun eigenständige Rechtsquellen-Korpora.
Dieser Beitrag zeigt, welche neuen Quellen ab sofort voll verifiziert und fassungsgenau verlinkt im System zur Verfügung stehen, warum das für die tägliche Kanzlei- und Beratungspraxis einen Unterschied macht und welche harten Fakten hinter der Erweiterung stehen.
Die Erweiterung auf einen Blick
| Rechtsquelle | Abgedeckte Inhalte & Tiefe | Status |
|---|---|---|
| Kollektivverträge | Über 1.500 Kollektivverträge nach Branchen und Berufsgruppen | Neu & Live |
| Landesrecht | Landesgesetze, Landesverordnungen, LGBl aller 9 Bundesländer, Gemeinderecht, Bezirksverwaltungsbehörden-Kundmachungen | Neu & Live |
| Gesetzesmaterialien | Ministerialentwürfe, Regierungsvorlagen, Ausschussberichte, Erläuternde Bemerkungen, historische BGBl | Neu & Live |
| EU-Judikatur (CURIA) | Urteile und Schlussanträge des EuGH, Entscheidungen des Gerichts der Europäischen Union (EuG) | Neu & Live |
| EGMR-Judikatur (HUDOC) | Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (Auslegung der EMRK) | Neu & Live |
| Bisheriger Bestand | Bundesrecht, RIS-Judikatur (OGH, VwGH, VfGH, BVwG, BFG, LVwG), Findok (BMF), EU-Normen (EUR-Lex) | Bereits Live |
Jeder Neuzugang ist voll in die RICI-Architektur integriert: Keine bloßen Freitext-Ergebnisse, sondern fassungsgenaue, stichtagsspezifische Versionierung und direkte, öffentliche Deeplinks zur Primärquelle im Rechtsinformationssystem (RIS), CURIA oder HUDOC.

Warum diese fünf Quellen? Ein Blick in die Praxis
Wer den Werkzeugkasten etablierter Kanzleien und Steuerberatungen betrachtet, sieht schnell, wo allgemeine Sprachmodelle an ihre Grenzen stoßen. Es ist die Tiefe der Quellen. Die fünf Neuzugänge schließen die wichtigsten Lücken, die uns Tester in den letzten Monaten gemeldet haben.

1. Kollektivverträge: Das Herzstück der Arbeitsrechtsberatung
Kein anderes Rechtsgebiet ist im Alltag so unmittelbar wie das Arbeitsrecht — und kaum eine Frage lässt sich ohne den einschlägigen Kollektivvertrag beantworten. Einstufung, Mindestlohn, Zulagen, Kündigungsfristen: Das steht nicht im Gesetz, sondern im jeweiligen Branchen-KV. RICI durchsucht ab sofort über 1.500 Kollektivverträge, geordnet nach Branchen und Berufsgruppen.
Der Praxis-Vorteil: Statt den passenden KV mühsam zu suchen und die richtige Fassung zu identifizieren, liefert RICI die einschlägige Bestimmung direkt — mit Fundstelle. Gerade in der Personalverrechnung und der arbeitsrechtlichen Erstberatung spart das spürbar Zeit.
2. Landesrecht: Die subföderalen Normen Österreichs
Baugesetze, Raumordnung, Naturschutz, Abgaben oder Jugendschutz — ein erheblicher Teil der täglichen Beratungspraxis ist Ländersache. RICI durchsucht ab sofort nicht nur die Landesgesetze und Landesverordnungen (LGBl) aller neun Bundesländer, sondern erfasst im Rahmen der subföderalen Normen auch das Gemeinderecht und die Kundmachungen der Bezirksverwaltungsbehörden (RIS-App Bvb).
Der Praxis-Vorteil: Wenn Sie im Baurecht oder gewerblichen Betriebsanlagenrecht beraten, müssen Sie nicht mehr parallel die RIS-Landesportale durchforsten. RICI verknüpft die bundesrechtlichen Vorgaben (wie die Gewerbeordnung) direkt mit den konkreten raumordnungs- oder baurechtlichen Bestimmungen des jeweiligen Bundeslandes.
3. Gesetzesmaterialien: Den Willen des Gesetzgebers entschlüsseln
Die reine Gesetzeslektüre reicht oft nicht aus, um unbestimmte Rechtsbegriffe oder komplexe Übergangsbestimmungen auszulegen. Hier schlägt die Stunde der historischen und teleologischen Interpretation. RICI hat ab sofort die Ministerialentwürfe, Regierungsvorlagen, Ausschussberichte und Erläuternden Bemerkungen im Zugriff.
Der Praxis-Vorteil: Die mühsame Suche nach Erläuterungen im historischen Bereich des RIS entfällt. RICI liefert bei Auslegungsfragen die Absicht des Gesetzgebers direkt mit und verlinkt fassungsgenau auf die entsprechenden PDF-Dokumente der parlamentarischen Materialien.
4. EU-Judikatur (CURIA): Die europäische Dimension
Das europäische Recht überlagert und prägt das nationale Recht in fast allen Bereichen — vom Datenschutz und Verbraucherschutz über das Arbeitsrecht bis zum Beihilfen- und Wettbewerbsrecht. Mit der Anbindung von CURIA durchsucht RICI nun die Urteile und Schlussanträge des EuGH sowie die Entscheidungen des Gerichts der Europäischen Union (EuG).
Der Praxis-Vorteil: Rechtsfragen mit europarechtlichem Einschlag werden nicht mehr isoliert beantwortet. RICI prüft die Vereinbarkeit nationaler Normen mit der europäischen Rechtsprechung und verlinkt direkt auf das CURIA-Portal.
5. EGMR-Judikatur (HUDOC): Grundrechte absichern
Die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) sind die maßgebliche Richtschnur für die Auslegung der Menschenrechtskonvention (EMRK), die in Österreich im Verfassungsrang steht. Das betrifft das Strafprozessrecht und Asylrecht ebenso wie das Eigentumsrecht, das Familienrecht oder das Medienrecht.
Der Praxis-Vorteil: Die vollständige Rechtsprechung des EGMR (via HUDOC-Datenbank) ist nahtlos in die RICI-Suche integriert. Bei verfassungs- oder grundrechtlichen Argumentationen liefert das System die wegweisenden Straßburger Entscheidungen mit.
Die ehrliche Story: „Wir haben zugehört“
Dieser Ausbau ist kein abstrakter Entwicklungsplan, sondern die direkte Antwort auf das Feedback unserer Beta-Tester. In unserer laufenden Auswertung (wir berichteten in Teil 1 der Blog-Serie ehrlich über die Zeitersparnis) kristallisierte sich ein klares Muster heraus:
Tester bewerteten RICI im Durchschnitt mit 8,77 von 10 Punkten (Median 10) — aber dort, wo Bewertungen im Bereich von 3 bis 6 Punkten lagen, war der Grund fast immer eine fehlende Quelle.
Typische Rückmeldungen aus der Praxis lauteten:
- „Sehr gut strukturiert, aber für meinen Fall war der Kollektivvertrag für die Gastronomie entscheidend, der leider noch gefehlt hat.“
- „Die Antwort nennt das Gesetz, aber die entscheidende Abgrenzung steht erst in den Erläuternden Bemerkungen der Regierungsvorlage.“
Wir haben uns diese Kritik als Arbeitsauftrag genommen. Anstatt das System mit oberflächlichen Prompts schneller zu machen, haben wir die Infrastruktur umgebaut. RICI ist jetzt so aufgesetzt, dass es die Querverbindungen zwischen diesen neun Korpora erkennt. Wenn Sie eine Frage stellen, sucht das System parallel im Bundes- und Landesrecht, zieht die Judikatur der Höchstgerichte und des EGMR heran und sichert das Ergebnis arbeitsrechtlich über den Kollektivvertrag, steuerrechtlich über die Findok oder auslegungstechnisch über die Materialien ab.
Was sich nicht ändert: Die rigorose Quellenbindung
Jede Erweiterung birgt das Risiko von Unschärfe. Ein System, das mehr Quellen durchsucht, läuft Gefahr, mehr irrelevante Treffer anzuzeigen oder im schlimmsten Fall Widersprüche falsch aufzulösen.
Deshalb bleibt unsere wichtigste Grundregel auch im 9-Quellen-Korpus unveränderlich bestehen: Die absolute Bindung an die Primärquelle.
- Keine Erfindungen: RICI formuliert keinen Satz, den es nicht durch ein konkretes Dokument aus diesen neun Quellen belegen kann.
- Fassungsgenaue Verlinkung: Ein Link führt Sie direkt zu exakt der Textstelle oder dem Paragrafen, auf den sich die Aussage stützt — über RIS-ELI, CURIA- oder HUDOC-Direktlinks.
- Ehrliche Grenzen: Findet das System in den neun Korpora keine verlässliche Antwort auf Ihre Frage, verweigert es die Aussage oder weist explizit auf die Lücke hin, anstatt eine plausible Antwort zu halluzinieren.
Fazit & Ausblick
Mit dem Upgrade von vier auf neun Rechtsquellen schließt RICI eine der wichtigsten Lücken im professionellen Einsatz. Das System ist damit nicht mehr nur ein Spezialwerkzeug für Bundesgesetze, sondern ein umfassender Recherchepartner für die österreichische und europäische Rechtspraxis.
Doch wir bleiben nicht stehen. Während RICI im Vollausbau läuft, schreiten unsere Schwesterprojekte voran — in der App sind sie bereits als kommende Modi sichtbar: RITA (Radicata In Tabulis, strukturierte Registerdaten wie Firmenbuch und ÖNACE) hat mit dem Vereinsregister bereits die erste Quelle in interner Beta, FIRE (Deep Research mit Web-Grounding und dem Korpus als Anker) steht kurz vor der Reife, und LEXA (juristische Guardrails) ist in Vorbereitung.
Datenstand: 6. Juli 2026.
Wollen Sie den neuen 9-Quellen-Korpus selbst testen? RICI befindet sich in einer geschlossenen Testphase für ausgewählte Kanzleien und Beratungshäuser. Fordern Sie Ihren Test-Zugang direkt auf app.iurix.ai an und prüfen Sie die neuen Quellen mit Ihren eigenen Praxisfragen.
Kostenlos in der Testphase